ein Beitrag von Jürgen Kleinert Vorortimpressionen vom Kandidatenturnier auf Zypern
Im Aufzug mit dem Bundestrainer und unserem ehemaligen Wochenendübungsleiter Gustafsson, dem Fidepräsidenten Dworkowitsch oder der ehemaligen Nr. 1 des Frauenschachs Kosteniuk, das kann nur eines bedeuten: die große Bühne des Weltschachs, derzeit zu Gast in Pegeia auf Zypern.
Der Spielort: Ein Luxushotel vom Feinsten auf einem Areal von der Größe Horkheims direkt an der Westküste Zyperns. Die Ecke gilt als Prominentenhotspot, auch für die hier reichlich vertretene russische Oligarchie.
Der Spielsaal: ein fensterloser schlauchfoermiger Raum, in dem dennoch die acht Bretter großzügig Platz finden. 24 nicht sonderlich bequeme Stühle, die den Käufern eines VIP-Tickets vorbehalten sind, überwiegend Pressevertreter wie Ulrich Stock von der ZEIT, Stefan Löffler von der FAZ sowie Begleitpersonen der Spieler (etwa die sehr natürlich rüber kommende Freundin von Caruana). Fast die Hälfte der Plätze bleibt jedoch zumeist frei. Um unvorteilhaften Bildern vorzubeugen, macht die Security immerhin von dem ihr eingeräumten Recht Gebrauch, die freien Plätze mit anwesenden Kindern aufzufüllen. Das gemeine Fußvolk? Darf mit Stehplätzen (!) zu den Kosten eines besseren Bundesligasitzplatztickets vorliebnehmen. Nur die wenigsten schaffen es jedoch, volle vier bis fünf Stunden durchzuhalten. Wer vorzeitig rausgeht, und sei es auch nur zur Toilette, hat Pech gehabt: Einlass wird nur alle zwei Stunden gewährt. Auch für die privilegierten Inhaber eines Sitzplatzes ist ein Überblick nur beschränkt möglich. 4 bis 5 Partien können nur auf der entfernten Stirnwand des Schlauchs verfolgt werden, gute Augen vorausgesetzt. Kopfhörer mit Livekommentaren, um das Geschehen an den Brettern einordnen zu können, gibt es nicht. Handys sind natürlich abzugeben. Die Zuschauer hat die Security nicht nur dank „Silence please“-Schildern im Griff. Eine derartige durchgehende Turnierruhe auch nach beendeten Partien würde ich mir bei unseren Mannschaftskämpfen auch wünschen 😏
Die Organisatoren: der ganze Stab ist fest in russischer Hand, insbesondere auch das Medienteam, in dem sich sogar ein Verwandter des Fidepräsidenten befindet. Ansagen für die Besucher vor Einlass in den Spielsaal werden nicht etwa auf Griechisch und Englisch gemacht, sondern ausschließlich auf Englisch und Russisch. Wer erfahren möchte, wer in der FIDE das Sagen hat, hier kann er es live erleben.
Die Spieler: am auffälligsten der wohl künftige Herausforderer von Weltmeister Gukesh, der 20jährige Usbeke Sindarov. In seinem schwarzen Anzug wirkt er stets wie aus dem Ei gepellt. Er absolviert mit Abstand die meisten Laufeinheiten aller Teilnehmer, tigert oft von einem Ende des Saales zum anderen, ohne die anderen Bretter auch nur eines Blickes zu würdigen. Zeitnot ist für ihn ein Fremdwort. Die Eröffnungen werden stakattoartig aufs Brett getrommelt. Was man sonst nur von Anfängern kennt: vor den meisten Zügen jenseits der Eröffnungsphase kreist die Hand drei-, viermal über der Figur, wird dann immer wieder zurückgezogen, ehe der Zug schließlich ausgeführt wird. Positiv: nach seinem Sieg gegen Prag liess er es sich nicht nehmen, minutenlang geduldig und immer mit einem Lächeln im Gesicht den sehnsüchtig auf ihr Idol wartenden Kindern und auch einigen Erwachsenen für Autogramme und gemeinsame Fotos zur Verfügung zu stehen. Matthias Blübaum kommt unscheinbar und ohne große Gesten rüber, oft muss er aufgrund seiner (relativen) eröffnungstechnischen Limitierung schon nach fünf, sechs Zügen Zeit investieren. In den Pressekonferenzen glänzt er jedoch mit seiner trockenen, selbstironischen Art.
Bei den Frauen spielt sich für mich der eigentliche Zweikampf auf der politischen Ebene ab, nämlich zwischen der ukrainischen Nachrückerin Anna Musytschuk und ihrer Exlandsfrau Kateryna Lagno, die 2014, obwohl in Lviv geboren, ähnlich wie Karjakin zu den Russen überlief und inzwischen im Nebenjob auch mit dem russischen GM Grischuk verheiratet ist (zuvor mit einem französischen GM, darunter geht es offensichtlich nicht …). Die erste Partie zwischen den beiden Exnationalmannschaftskolleginnen gewann die Ukrainerin gegen die Neurussin. Den obligatorischen Gratulationshändedruck verweigerte letztere. Sanktionen der FIDE blieben jedoch selbstredend aus. Auffällig: während bei den Männern keiner so weit geht, sich am Brett mit einer Krawatte den Hals abzuschnüren, quetschen sich bei den Frauen gleich drei Spielerinnen in hochhackige Schuhe und versuchen auch jenseits des Brettes eine gute Figur zu machen: die beiden Russinnen und eine der beiden Inderinnen.
Viel Prominenz steht den Fans auch eintrittsfrei zur Verfügung: heute gab GM Gelfand ein Simultan, auf dem er ein sich mir aufdrängendes Opfer unter Investition einiger Bedenkzeit widerlegte, zuvor hatten auch Anand, Kosteniuk und andere ihre Auftritte.
Fazit: interessante Einblicke, wenn auch nur oberflächlicher Art, entspannend, wenn man mal nicht selbst dem Turnierstress ausgesetzt ist. Zudem aufgrund der tollen Örtlichkeit allemal einen Besuch wert, wenn auch mit den genannten Einschränkungen.


(c) Fotos Jürgen Kleinert
